Der Kiel.RefugeeCompass ist eine digitale Plattform der Landeshauptstadt Kiel, die Geflüchteten und Migranten den Zugang zu Beratungs-, Bildungs- und Freizeitangeboten erleichtert.
Menschen, die neu in Kiel sind, stehen häufig vor einer schwer überschaubaren Angebotslandschaft. Sprachbarrieren, unterschiedliche kulturelle Erfahrungen und fehlendes Wissen über kommunale Strukturen erschweren zusätzlich die Suche nach passender Unterstützung.
Der RefugeeCompass führt diese Informationen an einem zentralen Ort zusammen und übersetzt sie in eine verständliche, mehrsprachige und niedrigschwellige Nutzererfahrung. Die Plattform richtet sich sowohl direkt an Geflüchtete als auch an Fachkräfte und Ehrenamtliche in der Integrationsarbeit.
Interviews, Fokusgruppen, Workshops und Stakeholdermanagement
Personas, User Journeys, Informationsarchitektur und Kategoriensystem
Niedrigschwellige Interaktion, Mehrsprachigkeit und RTL-Layouts
Partizipative Usability Tests mit der Thinking-Aloud-Methode
Wer das kommunale System, die deutsche Sprache oder die jeweiligen Zuständigkeiten noch nicht kennt, kann passende Angebote deshalb nur schwer finden. Genau die Menschen mit dem größten Orientierungsbedarf mussten besonders viele sprachliche, strukturelle und digitale Hürden überwinden. Die Aufgabe bestand darin, diese fragmentierte Angebotslandschaft in einen zentralen und leicht zugänglichen digitalen Service zu übersetzen. Dafür mussten Informationen unterschiedlicher Anbieter vereinheitlicht, verständlich kategorisiert und unabhängig von kulturellem oder technischem Vorwissen auffindbar gemacht werden. Der RefugeeCompass sollte dabei nicht nur ein weiteres kommunales Informationsportal werden. Ziel war eine praktische Orientierungshilfe, die Menschen im Alltag zu passenden Angeboten führt und gleichzeitig Fachkräfte und Ehrenamtliche bei ihrer Beratungsarbeit unterstützt. Für die Stadt Kiel entstand damit eine zentrale digitale Infrastruktur, die bestehende Integrationsangebote sichtbarer macht und den Zugang zu kommunaler Unterstützung systematisch verbessert.
Die Entwicklung begann mit einer umfangreichen partizipativen Research-Phase. Entscheidend war, Anforderungen nicht ausschließlich aus Sicht der Verwaltung oder der beteiligten Einrichtungen zu definieren, sondern die späteren Nutzer direkt in den Prozess einzubeziehen.
Dafür führte ich Fokusgruppen mit Geflüchteten in unterschiedlichen Einrichtungen und Kursen durch. Um verschiedene Perspektiven und Lebenssituationen angemessen zu berücksichtigen, wurden unter anderem geschützte Gesprächsräume in reinen Frauengruppen geschaffen. Übersetzer unterstützten die Kommunikation und ermöglichten eine Beteiligung unabhängig von den vorhandenen Deutschkenntnissen. Parallel führte ich Interviews mit Fachkräften aus Beratung, Bildung und Integrationsarbeit. Sie brachten ihre Erfahrungen mit wiederkehrenden Fragen, typischen Orientierungshürden und den organisatorischen Herausforderungen der Angebotsvermittlung ein. Aus den Erkenntnissen entstanden Personas, User Journeys und konkrete Nutzungsszenarien. Sie machten sichtbar, dass die Zielgruppe keineswegs homogen ist: Aufenthaltsdauer, Sprachkenntnisse, Bildungsbiografie, technische Erfahrung, familiäre Situation und persönlicher Unterstützungsbedarf unterscheiden sich erheblich.
In einem gemeinsamen Card-Sorting-Workshop wurde das Kategoriensystem der Plattform entwickelt und überprüft. Statt kommunale Zuständigkeiten abzubilden, orientiert sich die Struktur an konkreten Fragen und Bedürfnissen der Nutzer. So wurde aus einer organisatorischen Angebotslandschaft eine verständliche Informationsarchitektur.
Gesellschaftlicher Mehrwert: Der RefugeeCompass erleichtert Menschen den selbstständigen Zugang zu Bildung, Beratung, Freizeit und gesellschaftlicher Teilhabe. Er hilft ihnen dabei, sich in einer neuen Stadt zurechtzufinden und passende Unterstützung zu entdecken, ohne zunächst die dahinterliegenden Verwaltungs- und Trägerstrukturen verstehen zu müssen.
Gleichzeitig dient die Plattform Fachkräften, Kursleitern und Ehrenamtlichen als praktisches Werkzeug. Angebote können schneller gefunden, gemeinsam besprochen und direkt weitergegeben werden.
Strategischer Mehrwert für die Stadt Kiel: Für die Landeshauptstadt Kiel schafft der RefugeeCompass einen zentralen digitalen Zugang zu einer zuvor fragmentierten Angebotslandschaft. Die Plattform macht das Engagement zahlreicher Einrichtungen sichtbar und verbindet kommunale, soziale und ehrenamtliche Strukturen in einem gemeinsamen Service.
Damit ist sie nicht nur ein Informationsangebot, sondern ein Baustein einer zugänglichen und handlungsfähigen kommunalen Integrationsstrategie. Sie zeigt, wie digitale Produkte gesellschaftliche Teilhabe unterstützen können, wenn Nutzerbedürfnisse, Verwaltungsziele und die praktische Arbeit sozialer Einrichtungen gemeinsam gedacht werden.
Gerade bei vulnerablen und sehr heterogenen Zielgruppen reicht es nicht, Bedürfnisse aus der Distanz anzunehmen. Fokusgruppen, Interviews und gemeinsame Workshops schaffen die Grundlage für Entscheidungen, die tatsächliche Lebenssituationen und nicht nur organisatorische Erwartungen abbilden.
Einfachheit entsteht nicht durch das Weglassen möglichst vieler Inhalte, sondern durch sorgfältige Priorisierung. Je unterschiedlicher Sprachkenntnisse, Erfahrungen und Nutzungssituationen sind, desto wichtiger werden eine klare Informationsarchitektur und verständliche Interaktionsmuster.
Mehrsprachigkeit beeinflusst nicht nur Texte, sondern die gesamte visuelle und technische Produktstruktur. Flexible Komponenten und anpassbare Layouts müssen deshalb von Beginn an Teil der Konzeption sein.
Digitale Verwaltungsangebote entfalten ihren Wert erst dann, wenn sie Menschen tatsächlich erreichen. Der RefugeeCompass hat mir gezeigt, wie strategisches UX Design kommunale Strukturen verständlicher machen und den Zugang zu Unterstützung und gesellschaftlicher Teilhabe konkret verbessern kann.